- Wissenschaftliche Leitung:
- Judith Olszowy-Schlanger (University of Oxford) und Ronny Vollandt (LMU)
- Gefördert durch:
- DFG und AHRC
- Laufzeit:
- 2020–2023
- Webseite:
- jewishbookculture.com
Die mittelalterliche islamische Welt umfasste die buchaffinsten Gesellschaften der damaligen Zeit. Bücher wurden in zuvor unbekannten Mengen handschriftlich kopiert, neue Materialien und Techniken der Buchherstellung kamen auf, Kalligrafie und das Sammeln von Büchern wurden zu Kennzeichen von Intellektualität was islamische Herrscher dazu brachte Bibliotheken zu gründen. Die Buchkultur der islamisch geprägten Welt blühte nicht nur unter Muslimen, sondern auch unter jenen religiösen Minderheiten, die der Koran so treffend als ahl al-kitāb, „die Leute des Buches“, bezeichnet. Juden (ebenso wie Christen) waren an dieser Buchrevolution beteiligt und produzierten eine Vielzahl von Handschriften, die heute die wichtigsten Quellen für die historische und philologische Erforschung des jüdischen Geisteslebens jener Zeit darstellen.
Wissenschaftler entziffern, kontextualisieren und edieren diese Handschriften. Trotz ihrer wissenschaftlichen Bedeutung wissen wir jedoch häufig zu wenig über die Art und Weise ihrer Herstellung, über ihre Produzenten, darüber, wann und wo sie entstanden, über ihre kulturellen und ästhetischen Vorbilder, sowie über die wirtschaftlichen und sozialen Interaktionen, die zu ihrer Herstellung und Verbreitung führten.
Um diese Forschungslücke zu schließen, unternimmt dieses Projekt erstmals eine umfassende und vielschichtige Untersuchung jüdischer Bücher der islamisch geprägten Welt. Es stützt sich auf ein umfangreiches Korpus sorgfältig ausgewählter datierter und datierbarer Handschriften, die im 9.–13. Jahrhundert in Ägypten und im Nahen Osten entstanden: Kodizes, Schriftrollen und Rotuli, die in bedeutenden Bibliotheken der Welt aufbewahrt werden, sowie Fragmente aus der Kairoer Geniza und den Firkowitsch-Sammlungen. Das übergeordnete Ziel des Projekts besteht darin, diese Handschriften im Hinblick auf ihre Herstellung – einschließlich Materialien, Schriften und Schreibpraktiken –, ihren Produktionskontext und die Praktiken des Lesens zu untersuchen.
Es wird erforscht in welchem Ausmaß die muslimische Buchproduktion die Buchkultur der Juden beeinflusste und dazu führte, dass sie sich grundlegend von antiken und spätantiken Vorbildern entfernte. Dabei analysieren wir sowohl die Auswirkungen auf die Materialität und Ästhetik jüdischer Bücher als auch auf damit verbundene intellektuelle und soziale Aspekte, etwa die Verbreitung der Literalität, den Wandel der Beziehungen zwischen mündlicher und schriftlicher Überlieferung, das Wachstum der professionellen Buchproduktion, ihre wirtschaftliche Grundlage sowie die Gründung jüdischer Bibliotheken und Bildungseinrichtungen. Der Ansatz folgt der Buchgeschichte (History of the Book) mit ihrem multidisziplinären Fokus auf Bücher als materielle Objekte und als wesentliche Akteure bei der Übermittlung von Texten, Praktiken und Ideen.
Durch die Verbindung der einzigartigen Expertise der beiden PIs auf dem Gebiet der Buchherstellung religiöser Minderheiten unter islamischer Herrschaft wird dieses Projekt nicht nur unser Verständnis der Geschichte des jüdischen Buches in einer seiner prägendsten Epochen grundlegend erweitern, sondern auch der vorherrschenden Konzentration der Buchgeschichtsforschung auf vormoderne und moderne europäische Kontexte entgegenwirken. Das Projekt wird zwei innovative Publikationen hervorbringen: einen paläographischen Leitfaden zur orientalischen hebräischen Schrift sowie ein Handbuch zur Geschichte des jüdischen Buches in der islamisch geprägten Welt. Beide werden mit einem digitalen Open-Access-Repositorium einschlägiger direkter und indirekter Quellen verknüpft sein.
Beteiligte
Professor für Judaistik, Studiendekan für Ethnologien und Naher Osten
Doktorand, Ansprechpartner Website (Arabistik/Islamwissenschaft und Judaistik)
- Prof. Dr. Judith Olszowy-Schlanger
- Dr. Blanca Villuendas
- Dr. Joseph O'hara